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4 HÜRDEN ZWISCHEN DEM GEWÖHNLICHEN DENKEN UND DER ANTHROPOSoPHIE

8/1/2022

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Hürde Nummer 1

Die erste, und vielleicht größte, Hürde ist der Mangel einer Hürde. Das größte Problem des Denkens ist sein Nicht-Vorhandensein. Ohne eigenes Denken kann keine existentiell erlebte Frage entstehen, und ohne eine Frage, die einen selbst betrifft, gibt es auch keine Hürde, die sich dem normalen Lebensgefühl in den Weg stellen würde. Ohne Hürde entsteht kein Bedürfnis, den aktuellen Zustand zu verändern. Wenn also kein Eigendenken eine solche Hürde produziert, dann muss die Hürde von Außen als Leid dem Leben des Einzelnen hinzugefügt werden. Solange der Mensch aber nicht selbst denkt, ist er gar kein Einzelner, sondern ein Gruppenwesen. Als solches erlebt er dann jegliches Leid als Gruppenschicksal, für das er sich nicht selbst verantwortlich fühlt. Das von außen hinzugefügte Leid kann also seinen Zustand nicht ohne weiteres ändern. Was zum Leid hinzukommen muss, ist wiederum das Denken. Allerdings kann das Denken unter dem Leidensdruck leichter aktiviert werden. Der persönlich erlebte Schmerz steigert den Egoismus, und der Egoismus steigert das Gefühl, ein Einzelwesen zu sein. Wenn der Mensch beginnt, wie ein Einzelwesen zu denken, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich in ihm eine existenzielle Frage heranforme. Erst durch das existenzielle Erleben einer Frage wird er nämlich zum individuellen Sucher nach einer Antwort. Er bemerkt: die unbeantwortete Frage wird ihm zur persönlichen Hürde. Andere haben diese Hürde nicht - für ihn selbst ist sie existenziell wichtig. Sogar die Selbstüberschätzung und die Überschätzung der vermeintlichen Einzigartigkeit der eigenen Fragestellung sind in dieser primordialen Lebenslage außerordentlich hilfreich, weil sie dabei helfen, die erste Hürde heranreifen zu lassen. Sobald der allgemeine Leidensdruck persönlich erlebt wird, kann er vom eigenen Denken verarbeitet werden. Damit beginnt aber erst das selbstständige Denken. Ohne selbstständiges Denken gibt es keine wirklichen Fragen. Und ohne Fragen, die man als solche erlebt, welche die eigene Wirklichkeit beeinflussen können, kann man auch unmöglich an neuen Antworten interessiert sein. Man ist eingeschlossen in das Gegebene, und man gedeiht und verdirbt zusammen mit ihm, als Gruppenwesen, ohne jeglichen Anspruch auf Individualität. In dieser Entwicklungsphase des Menschen kann demnach die Anthroposophie niemals in ihrer eigentlichen Form auftreten. Sie kann den Menschen liebevoll pflegen und schützen, aber sie kann ihm kein Wissen geben - genauso wie man einen satten Menschen nicht zum Essen einladen kann.
Die 1. Hürde ist also das Leben ohne eigenständiges Nachdenken. 



Hürde Nummer 2


Die Hürde Nummer 2 ist die erste wahrnehmbare Hürde: denn Hürde Nummer 1 war ja das Fehlen jeglicher Hürde. Die erste, individuell erlebte, Hürde ist somit der Gegensatz zwischen der allgemein vorherrschenden Meinung und der eigenen Meinung. Die als allgemein anerkannt erlebte Meinung, der man sich nun als Person entgegenstellen will, ist nichts anderes, als das zuvor passiv, als Gruppenwesen erlebte, Fremddenken. Jenes Fremddenken stört einen jetzt, weil man entdeckt hat, auch selbst denken zu können. Ausschlaggebend ist bei dem Übergang vom Fremddenken zum ersten Selbstdenken immer das Leid. Man hat bemerkt, wie das Fremddenken einem Leid zufügt, und man will sich jetzt mit Eigendenken dagegen wehren. Man glaubt, selbst besser wissen zu können, was gut für einen selbst ist, weil man an dem Fremddenken zuvor so stark gelitten hat. Der Impuls zum Selbstdenken kommt demnach direkt aus einem verletzten Egoismus. Diese reaktionäre Eigenschaft behält der Impuls aber auch dann bei, wenn das primordiale Problem bereits gelöst ist. Der Individualismus bleibt also noch lange nach seiner Entfesselung mit seinem egoistischen Ursprung verbunden. Das neu eroberte Selbstgefühl wird weiterhin identifiziert mit der Gegnerschaft zu jedem Fremddenken. 
Der Mensch will jetzt unbedingt alles durch Eigendenken erkunden. Jegliches Fremddenken ist ihm suspekt. Er vermutet hinter jedem Fremddenken einen Angriff auf seine individuelle Freiheit. Das wird ganz besonders extrem, wenn sich das Fremddenken auf Erfahrungen bezieht, die er selbst nicht haben kann. Die traditionelle Religion wird darum als erste Opfer seiner Kritik. Das religiöse Fremddenken erscheint ihm nunmehr als vollständig unakzeptabel. Hingegen kann er sich mit anderem Fremddenken schon eher anfreunden, nämlich wenn er dahinter eine objektive Wirklichkeit vermutet. Dazu gehört in erster Linie das naturwissenschaftliche Denken. Was ihn hierbei antreibt, ist seine Sehnsucht nach dem vorigen Zustand der Gedankenlosigkeit. Er hofft inbrünstig, es könne eine objektive Wirklichkeit geben, welche den schmerzhaften Kontrast zwischen allgemeiner Meinung und individueller Meinung neutralisiere. Er sucht also seine Rettung im theoretischen Denken, mit dem er letztendlich nur seine eigene Einsamkeit überwinden will. Es gelingt ihm auf diese Weise tatsächlich, nahezu den vorigen, naiven Zustand wiederherzustellen. Indem er es sich im wissenschaftlichen Konsens genauso gemütlich einrichtet, wie zuvor in der totalen Gedankenlosigkeit, wird ihm seine moderne Welt schon fast wieder zur vermissten Kinderwelt.  Er neutralisiert sein Eigendenken, indem er ihm jeglichen Anspruch auf Wirklichkeit abspricht. Die Wirklichkeit lokalisiert er außerhalb seines Denkens - sein Denken selbst wird ihm zum Schatten. Das Einzige, was ihm in seiner neuen Gemütlichkeit abgeht, ist das Leben selbst: es scheint ihm, als habe er das echte Leben irgendwo auf seinem Weg verloren. Er spürt aber, dass er es sofort wiederfinden könnte, falls er nur sein Eigendenken aufgäbe - falls er sich also wieder ganz, wie früher, dem unreflektiertem Gefühls- und Willensleben hingäbe. Die 2. Hürde wird ihm demnach zum vermeintlichen Widerspruch zwischen Denken und Leben. 
Die Anthroposophie kann hier nicht anders eingreifen, als ihm die wahre Identität von Leben und Denken von allen möglichen Seiten nahe zu bringen. Alles Wirken der Anthroposophie zielt letztendlich daraufhin ab, diese Identität vollständig zu verwirklichen. In dieser frühen Phase geht es zwar zunächst nur um die gefühls - und verstandesmäßige Verarbeitung einer monistischen Weltanschauung, doch schon das ist sehr schwer genug zu verdauen. 


Hürde Nummer 3


Während die also die 1. Hürde darin besteht, dass der Mensch all seine Nöte nicht anders erlebt als ein intelligentes Tier, besteht die 2. Hürde aus dem, was man die Intellektualität nennt. Aus dem Zustand der Intellektualität aber entstehen gleichzeitig 2 neue Hürden: die Hürde 3 und die Hürde 4. Was wir als 2. Hürde beschrieben haben, schwelt als Problem zwar stets im Untergrund dieser beiden, aber es dringt ins Bewusstsein erst als seine Lösungsversuche ein - wobei Hürde 3 der eine Lösungsversuch ist, und Hürde 4 der diametral gegenüberliegende. Der Kampf mit der Anthroposophie wird hierbei zum ersten Mal bewusst erlebt, weil man mit seinem Denken inzwischen soweit ist, dass man die Anthroposophie intellektuell verstehen könnte, wenn man nur nicht voller Vorurteile wäre. 
Die 3. Hürde ist die intellektuelle Arroganz. Weil man bemerkt hat, dass das Eigendenken sich gegenüber dem Fremddenken siegreich behaupten kann, will man jetzt schlechthin alles selbst denken. Dabei vergisst man jedoch das eigene Nicht-Können. Nur weil man endlich damit begonnen hat, selbst zu denken, darf man nicht etwa annehmen, dass man damit bereits alles Denken könne, was denkbar ist. Man hofft also, sich vom gehassten Fremddenken dadurch zu befreien, dass man nur noch das denkt, was man selbst nachdenken kann. Man glaubt sich in seinem Denken frei vom Fremddenken, nur weil man über nichts mehr nachdenken will, was das eigene Denken übertrifft. Dabei dehnt man jedoch nicht selten die Grenzen des eigenen Denkens weit über dessen Gültigkeitsbereich hinaus. Was man selbst denkt, hat dann zwar stets eine individuelle Färbung, hat aber leider mit der Wirklichkeit oft nichts mehr zu tun. Man verliert sich in Phantasien, und hofft heimlich darauf, dass diese Phantasien einst wahr werden könnten. Man redet sich ein, alles menschliche Denken sei so wie sein eigenes Denken. 
Wenn man dabei auf das Denken eines Anderen stößt, welches Anspruch auf Wahrheit erhebt, dann lehnt man dies kategorisch ab. Dass man mit seinem eigenen Denken keine Wahrheit erlangen könne, hat man sich womöglich bereits selbst bewiesen, aber man dehnt in arroganter Haltung diesen persönlichen Beweis gleichsam auf alle anderen Menschen aus. 
Die 3. Hürde besteht also darin, dass man glaubt, das eigene Denken setze die Maßstäbe für jegliche mögliche Form von Denken. 
Da die Anthroposophie sich als höheres Denken präsentieren muss, egal von welcher Richtung sie naht, eben weil sie höheres Denken ist, sträubt man sich in dieser Phase vehement gegen die Anthroposophie. 


Hürde Nummer 4


Noch schwerer als die 3. Hürde ist die 4. Hürde zu nehmen. Falls man sich nämlich endlich, mittels Leid, großer persönlicher Anstrengung und gnädigen Glücks, dazu durchgerungen hat, etwas anzuerkennen, das über einem selbst eingeordnet werden muss, - falls man somit erneut zu einer Demut gegenüber dem Göttlichen gefunden hat, nachdem man mehr oder weniger lange im hochmütigen Atheismus verloren gewesen war -, dann türmt sich vor einem das größte aller Hindernisse auf: das höhere Denken, dem man jetzt vertrauensvoll sein Herz und seinen Verstand geöffnet hat, verlangt von einem das Ungeheuerliche: es will letztendlich, dass man selbst sich zu solchem höheren Denken aufschwinge! 
Wer erst kurz zuvor die 3. Hürde hat nehmen muss, wo es darum ging, die eigene Arroganz zu überwinden, der schreckt vor solchen hochmütigen Ambitionen zunächst beschämt zurück. 
Wer hingegen die 3. Hürde forsch umgangen hat, weil er hoffte, trotzdem zum Geist finden zu können, ohne die Bedingung der Demut zu erfüllen, und somit direkt auf die 4. Hürde stösst, ohne die vorige Prüfung bestanden zu haben, der wird dadurch sogar noch schlimmer in die Irre geführt! 
Ein solches Umgehen der 3. Hürde ist deshalb möglich, weil beide Wege, - hin zur 3. und hin zur 4. Hürde -, sich als Folgeerscheinungen der 2. Hürde gleichzeitig eröffnen. 
Die Wahnvorstellung, ohne Demut zu höherem Wissen gelangen zu können, ist demnach der eine Aspekt der 4. Hürde, nämlich dann wenn man die 3. Hürde geschickt umschifft hat.
Der andere Aspekt der 4. Hürde, wenn man die 3. Hürde regelrecht überwunden hat, ist hingegen der Mangel an kraftvollem Mut, den man benötigt, um an die eigene Würdigkeit als geistiges Wesen weiterhin glauben zu können. 
Der nach Höheren strebende Mensch riskiert hierbei erneut, in die alte, passive Rolle zurück zu rutschen, die er bereits als reines Naturwesen lange genug inne gehalten hatte. Der Mut, selbst zu wissen, erlöscht ihm allzu leicht, angesichts all der Herrlichkeit des höheren Wissen - dessen Wert er, Dank seiner ehrlichen Demut, jetzt besser erkennen kann als jemals zuvor. 
Es bleibt sein Problem also dasselbe, das er schon immer auf seinem Wege mit sich getragen hatte: er kann nicht glauben, selbst ein eigenständiges Wesen sein zu können: selbst ein Ich zu sein, scheint ihm unmöglich. 
Die Freiheit, die einem angeboten wird, kann man nicht annehmen: das ist die 4. Hürde.
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